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Soziologie des Antiamerikanismus

eBook - Zur Theorie und Wirkmächtigkeit spätmodernen Unbehagens, Campus Forschung

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Bibliografische Daten
ISBN/EAN: 9783593422411
Sprache: Deutsch
Umfang: 222 S., 20.19 MB
Auflage: 1. Auflage 2014
E-Book
Format: PDF
DRM: Digitales Wasserzeichen

Beschreibung

In den letzten Jahren ist das Phänomen des Antiamerikanismus kontrovers diskutiert worden. An expliziten Erklärungen und verlässlichen Daten mangelt es jedoch bislang. Heiko Beyer schließt diese Lücke: Zum einen entwirft er einen theoretischen Ansatz, der die Mechanismen antiamerikanischer Einstellungen und Handlungen aufzeigt. Zum anderen legt er Ergebnisse einer deutschlandweiten Umfrage vor, die erstmals fundierte Aussagen über die Verbreitung des Antiamerikanismus zulassen und auf deren Grundlage das theoretische Modell überprüft werden kann.

Autorenportrait

Heiko Beyer ist akademischer Rat auf Zeit an der Bergischen Universität Wuppertal.

Leseprobe

2.1Vorgeschichte

Es mag zunächst widersprüchlich erscheinen, wenn man die Geburt des Antiamerikanismus auf eine Zeit zurückdatiert, zu der die Vereinigten Staaten noch um ihre Unabhängigkeit rangen und weit davon entfernt waren, bedeutenden ökonomischen und politischen Einfluss in Europa zu besitzen. Es ist jedoch genau dieses Paradox, das ein wesentliches Element des Antiamerikanismus offenlegt: Statt um pragmatische Kritik handelt es sich beim Antiamerikanismus um eine Heuristik des Verstehens, die mehr über den Sprecher verrät als über das, wovon er spricht.

So waren es denn auch kaum zufällig Denkerinnen, also europäische Philosophen, Gelehrte und Schriftstellerinnen, die sich Mitte des 18. Jahr-hunderts von Amerika abwandten. Philippe Roger (2005: 2ff.), der in sei-ner Geschichte des französischen Antiamerikanismus den Prolog der Amerikaaversion heraus gearbeitet hat, weist darauf hin, dass vor allem in den Zirkeln der Pariser Aufklärung, zu denen unter anderem Voltaire und Raynal gehörten, erstmalig eine vernichtende Einschätzung der Verhältnisse in Amerika formuliert wurde. Die einflussreichsten Autoren dieses frühen Antiamerikanismus waren der große französische Naturalist Comte de Buffon und der Niederländer Cornelius De Pauw, dessen Recherches philosophiques sur les Américains (1774 [1768]) 1799 bereits in der 11. Auflage erschienen (vgl. Roger 2005: 24).

Das Leitmotiv von Buffons Gedanken zu Amerika (vgl. Buffon 1766), später aufgegriffen von De Pauw, findet man im Begriff der dégénération. Roger schreibt diesbezüglich: "What America's detractors found in Buffon's writings was thus the conjunction of a climate theory reformulated as strident physiological determinism, coupled with a set of observations that led to the conclusion of a lesser development or degeneration of all living things in America" (Roger 2005: 13).

Der frühe Antiamerikanismus war somit wesentlich biologistisch kon-notiert. Die zoologischen und botanischen Anomalien der neuen Biosphä-re wurden unvermittelt auf die Menschen der Neuen Welt übertragen. Amerika wurde von Buffon, der selbst nie die Reise über den Atlantik angetreten hatte, als Ort des Verfalls und der Entartung, Tiere und Menschen wurden als unterentwickelt oder mutiert im Vergleich zu ihren europäischen Artgenossen beschrieben (vgl. ebd.: 12ff.). De Pauw (1774 [1768]), der von Roger (2005: 14) als "America['s] [] Goya" bezeichnet wird, nimmt Buffons Kritik auf und radikalisiert sie, indem er eine Brücke zwischen klimatischen Bedingungen und sozialen Verhältnissen schlägt. Die europäischen Kolonisten seien zu Tieren degeneriert, die sich gegenseitig verschlingen und trotz aller Bestialität gleichsam asexuell und widernatürlich verhalten (vgl. ebd.: 14ff.).

In den 1770ern wird dann nach und nach das antiamerikanische Vorurteil sowohl von der Naturgeschichte entkoppelt als auch durch Werke wie Raynals Histoire des deux Indes (2006 [1770]) einem breiteren Rezipientenkreis zugänglich gemacht (vgl. Roger 2005: 22). Letzteres gilt gleichermaßen für die von William Robertson publizierte und noch im Erscheinungsjahr 1777 ins Deutsche übersetzte History of America (1826 [1777]), die unter anderem auch den Deutschen Alexander von Humboldt beeinflusst haben soll (vgl. Roger 2005: 24; vgl. auch Brescius 2012).

Größtenteils scheint sich die Vorgeschichte des Antiamerikanismus je-doch in Frankreich abgespielt zu haben. Aber selbst dort war der Antiamerikanismus in diesen frühen Jahren keineswegs gesellschaftlicher Common Sense. Er stellte ein Vorurteil der Gebildeten dar und sollte dies in den beiden folgenden Jahrhunderten wesentlich bleiben.

2.2Die zweite Entdeckung Amerikas durch die Romantik

Während sich der Antiamerikanismus der Naturalisten des 18. Jahrhunderts vordergründig mit der Biosphäre des neuen Kontinents beschäftigte und damit eben auch beiläufig mit Amerikanerinnen, insofern diese Bestandteile derselben waren, ihm aber eine explizite gesellschaftstheoretische Schlagrichtung noch abging (vgl. Diner 2003: 18f.; Gulddal 2011: 19), wurden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Grundlagen einer später ausformulierten Soziologie des Antiamerikanismus gelegt. Wenn der Naturalismus des 18. Jahrhunderts die Vorgeschichte des Antiamerikanismus darstellt, so war den Romantikerinnen die zweifelhafte Ehre vorbehalten, den modernen Antiamerikanismus zu begründen (vgl. Gulddal 2011).

Auch dieser nun stärker gesellschaftstheoretisch ausgerichtete Anti-amerikanismus war keine Erfindung des Pöbels. Es waren vielmehr hauptsächlich die Eliten - Philosophen und Schriftsteller - die feindselige Töne gegenüber den Vereinigten Staaten anschlugen (vgl. Ceasar 2003). Während die USA selbst weder wirtschaftlich noch politisch eine reale Bedrohung für Europa ausmachten und Mitte des 19. Jahrhunderts kaum Einfluss östlich des Atlantiks ausübten, müssen die Ideen des in der amerikanischen Revolution als Sieger hervorgegangenen Liberalismus durchaus eine Gefahr für die alte Aristokratie Europas dargestellt haben. Amerika wird für diese zur Chiffre einer neuen Zeit - der Moderne - die in einer fernen neuen Welt scheinbar bereits Wirklichkeit geworden war (vgl. Diner 2003: 42ff.). Der Antiamerikanismus war damit der Versuch, den drohenden Wandel, der als Damoklesschwert über Europa schwebte, dingfest zu machen, ihm einen Ort zuzuweisen und so eine greifbare Gestalt zu geben.

Gewissermaßen zeigt sich hier die Dialektik der populären (und teil-weise naiven) Hoffnung jener Zeit, dass in Amerika alles besser würde. Tatsächlich ist das frühe Amerikabild eher positiv überzeichnet als negativ. Die entsprechenden Texte über den jungen Kontinent sind zuvorderst Utopien, die dann bei den Schriftstellerinnen des Antiamerikanismus zu Dystopien umgeschrieben werden (vgl. Gulddal 2009). Der Hass auf Amerika kann nicht ohne die Bewunderung und die Hoffnung, die es vor allem für libertäre oder ökonomisch benachteiligte Europäerinnen ausgestrahlt haben muss, verstanden werden. Ein beachtlicher Teil der Amerikaschelte dürfte von Heimkehrern stammen, die selbst in der Neuen Welt gescheitert waren und nun ihre partikularen Erfahrungen in verallgemeinernden Schreckensszenarien niederschrieben (zum Beispiel Nikolaus Lenau 1970, zitiert nach Gulddal 2009; vgl. Diner 2003: 44f.). Durch diese Literatur wurde gleichzeitig den Europäern, die zuhause bleiben mussten oder wollten, das Gefühl gegeben, auf der besseren Seite des Atlantiks zu leben.

Die historisch frühe projektive Aufladung irrationaler Amerikanophilie liefert gewissermaßen dem Antiamerikanismus bis heute seine Energie und offenbart, was mittlerweile nicht mehr ohne weiteres erkennbar ist: der Hass auf Amerika speist sich aus dem Begehren. Wie wir später sehen werden, ist der Verdrängungs- und Verschiebungsprozess der Projektion in der Tat ein zentraler Mechanismus des Antiamerikanismus sowie eine seiner historischen Konstanten.

Doch nicht nur der Mechanismus, sondern auch die Inhalte, das heißt die Stereotypie selbst, haben teilweise überdauert und erscheinen der heu-tigen Leserin vertraut. Gulddal (2009) fasst die Kernelemente der antiamerikanischen Bilder typologisch zusammen. Er nennt: die Motive der Traditions- und Kulturlosigkeit, des Materialismus und der Vulgarität sowie des religiösen Fanatismus und die Verurteilung des amerikanischen politischen Systems. Ich werde mich im Folgenden an dieser Typologie orientieren.

Inhalt

Inhalt

Dank 11

1. Einleitung 13

1.1 Gegenstand und Relevanz der Arbeit 14

1.2 Forschungsstand 15

1.3 Ziele der Arbeit 20

1.4 Zum Begriff des Antiamerikanismus 21

1.5 Inhaltliche Struktur der Arbeit 24

2. Die Geschichte des Antiamerikanismus 26

2.1 Vorgeschichte 27

2.2 Die zweite Entdeckung Amerikas durch die Romantik 28

2.3 Die Amerikanisierung des Fin de Siècle 34

2.4 Weimar und Amerika 40

2.5 Der nationalsozialistische Antiamerikanismus 43

2.6 Deutscher Antiamerikanismus nach 1945 46

2.7 Der neue Antiamerikanismus 51

3. Zur Theorie des Antiamerikanismus 54

3.1 Antiamerikanismus als Rationalisierung sozialen Wandels 58

3.1.1 Sozialer Wandel als Naturprozess 59

3.1.2 Kognitive Dissonanz 76

3.1.3 Die kognitive Funktion des Antiamerikanismus 79

3.2 Antiamerikanismus als Projektion verleugneter Selbstanteile 85

3.2.1 Rationalität und Selbstbeherrschung 86

3.2.2 Verdrängung und Projektion 104

3.2.3 Die affektive Funktion des Antiamerikanismus 108

3.3 Exkurs 1: Zur funktionalen Äquivalenz antiamerikanischer und antisemitischer Einstellungen 111

3.4 Der Antiamerikanismus der Anderen: Die Bedeutung des sozialen Umfeldes 116

3.4.1 Geteiltes Wissen 117

3.4.2 Der strategische Nutzen moralischer Integrität 119

3.4.3 Soziale Identität 119

3.5 Faktoren antiamerikanischer Handlungen 125

3.6 Zusammenführung und Hypothesen 131

4. Antiamerikanismus in Deutschland: Ergebnisse einer Bevölkerungsbefragung 137

4.1 Die Stichprobe 138

4.2 Operationalisierung, Indexbildung und univariate Ergebnisse 141

4.2.1 Variablen des Einstellungsmodells 141

4.2.2 Variablen des Handlungsmodells 158

4.3 Bivariate Analysen 162

4.3.1 Bivariate Zusammenhänge im Einstellungsmodell 162

4.3.2 Bivariate Zusammenhänge im Handlungsmodell 169

4.4 Multivariate Analysen 173

4.4.1 Multivariate Zusammenhänge im Einstellungsmodell 174

4.4.2 Multivariate Zusammenhänge im Handlungsmodell 184

4.5 Exkurs 2: Zur Permanenz antiamerikanischer Einstellungen - Eine Test-Retest-Studie 187

5. Fazit und Diskussion 194

5.1 Zusammenfassung 194

5.2 Diskussion 200

5.3 Schluss 203

Tabellenverzeichnis 205

Abbildungsverzeichnis 207

Literatur 208

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